”Die Tat des Tages hat keine Bedeutung,
so, wie dort unten betrieben,
h i e r werden meine Gedanken stark,
nur auf der Hochebene fühle ich mich wohl.

In der öden Bergbauerhütte
sammle ich all meine reiche Beute;
da ist ein Hocker, da ist eine Feuerstelle,
Friluftsliv für meine Gedanken.”

(HENRIK IBSEN 1859)

Ibsen gilt als der Mann, der den Begriff “Friluftsliv” als erster verwendete. Friluftsliv bedeutet übersetzt “Freiluftleben” oder “Leben unter freiem Himmel” und beschreibt eine skandinavische, insbesondere norwegische Tradition. Friluftsliv beinhaltet den Aufenthalt und die Aktvität an der frischen Luft mit dem Ziel der Umweltveränderung, also der Wegstreckenüberwindung.

Fünf Prämissen sind dabei zu beachten:
1. Leben draußen in natürlicher Umgebung
2. Verzicht auf die Verwendung technischer (motorisierter) Fortbewegungsmittel
3. Der ganze Mensch wird gefordert
4. Es gibt kein Konkurrenzdenken
5. Es wird vermieden, der Natur zu schaden und sie zu verschmutzen

nature2 Friluftsliv - die norwegische Lebensphilosophie

ENTWICKLUNG

Friluftsliv entwickelte sich bereits zu einer Zeit, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren. In Skandinavien war das Leben der Menschen länger als in anderen Teilen Europas nomadisch geprägt und die Landwirtschaft setzte sich nur langsam durch. Die Menschen waren gezwungen, große Entfernungen zurückzulegen und Schwierigkeiten auf ihren Wegen zu überwinden. Sie lernten, im Einklang mit der Natur zu leben. Diese große Naturverbundenheit ist auch noch heute in den skandinavischen Ländern präsent. Diente das zweckgebundene Dasein in der Natur zunächst dem Überleben, entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere Motivation des Naturaufenthaltes: das Naturerleben. Im Zuge der Epoche der Romantik, die als Gegenströmung zur Aufklärung gilt,  zogen viele Künstler hinaus in die wilde norwegische Natur und ließen sich von ihr inspirieren. Die zahlreichen Werke, die in dieser Epoche entstanden, stärkten das Nationalgefühl der Norweger ungemein. Natur und Norwegen, das gehörte fortan unzertrennlich zusammen, je wilder und unberührter die Natur war, desto norwegischer war sie auch.
Die Industrialisierung brachte schließlich eine völlig neue Errungenschaft hervor. Neben dem technischen Fortschritt und der Entwicklung einer Mehrklassengesellschaft erfuhren einige Bevölkerungsschichten zum ersten mal, was es hieß, Freizeit zu haben. Sie mussten nicht mehr den ganzen Tag für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Dadurch entwickelten sich verschiedene Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Sport. Der norwegische Sport bestand aus einer Mischung aus der körperbetonten Form “idrett” und der englischen Freizeitbeschäftigung “the sports”. Neu hinzu kamen nun auch Bewegungsformen und das Dasein in der Natur. Die Menschen begannen - in Verbindung mit ihrem neuen Freizeitgefühl - in die Natur hinauszuziehen, sie zu entdecken und zu erleben. Erste Übernachtungsmöglichkeiten und Hütten wurden errichtet. Ein zweckfreier Naturaufenthalt entwickelte sich und damit die reine Lust, in der Natur zu sein und dabei schwierige Sitationen zu überwinden.
Die Einführung des 8-Stunden-Tags, freie Tage und Ferien trieben die Friluftslivkultur voran. Ein ganzes Hüttensystem und markierte Wanderpfade wurden eingerichtet. Im zweiten Weltkrieg flohen die Menschen aus den Städten aufs Land. Sie wollten weg vom Krieg, in den sie hineingeraten waren, weg von den Kämpfen. Traditionelle Touren ins Freie entwickelten sich. Bereits in der Nachkriegszeit zählte Friluftsliv zum nationalen Kulturgut. Die Sonntagstour ersetzte den Kirchensonntag und die Menschen fühlten sich dem Friluftsliv immer mehr verbunden.

Engelberg_12 Friluftsliv - die norwegische Lebensphilosophie

FRILUFTSLIV HEUTE

Heute hat sich Friluftsliv nicht nur in den Köpfen der Menschen festgesetzt, sondern auch in den politischen Strukturen Norwegens. 1957 trat das Friluftsloven, das Freiluftgesetz, in Kraft, welches den Zugang zu genutzter und ungenutzter Natur sowie offenen Landschaften regelt und die Rechte und Pflichten der Grundbesitzer und der Freiluftliebhaber gleichermaßen festlegt. Besonders zu erwähnen ist hierbei das allemannsretten, das Jedermannsrecht, welches die Nutzung der Natur für jeden Menschen möglich macht. Die norwegische Natur gehört niemandem, so die Einstellung der Menschen dort. Man darf ihr nicht schaden, sie nicht verschmutzen, auch Grundeigentum wird nicht zum Nachteil des Besitzers genutzt. Grundsätzlich ist die Natur für jeden Menschen zugänglich, um sie zu erleben und sich in ihr zu bewegen. Freizeit, wilde Natur und die gesetzliche Verankerung sind die Voraussetzungen dafür, dass Friluftsliv in Norwegen so populär geworden ist. In Deutschland läuft das Betreten der Natur meist nicht ganz so reibungslos ab. Viele Gesetze, Regeln, die Frage nach Eigentum und Besitz legen den Menschen häufig Steine in den Weg. In Norwegen durchzieht Friluftsliv das gesamte Leben der Bevölkerung. Die Kinder gehen in Natur- oder Waldkindergärten, in denen sie sich die meiste Zeit draußen an der frischen Luft aufhalten. Die Grundschulkinder erkunden die Natur der näheren Umgebung, in höheren Altersstufen gibt es ein größeres Aktivitätsspektrum mit Tages- und Übernachtungstouren. 25% der Lehrzeit im Fach Sport nimmt Friluftsliv ein. Daneben existieren die “uteskole”, die Draußen-Schule, und der “utedag”. Studienangebote an Universitäten und Seminare an Volkshochschulen zum Thema Friluftsliv sind in Norwegen eine Selbstverständlichkeit.Friluftsliv ist somit im kompletten System verankert und nimmt einen bedeutenden Stellenwert in Norwegen ein. Langsam schwappt dieser Lebensstil auch nach Deutschland herüber. Erste Waldkindergärten gibt es schon, Schulprojekte und Seminare befassen sich mit der Thematik Friluftsliv und der Natur-Tourismus boomt.

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MOTIVATION

Im Friluftsliv geht es nicht darum, eine gewisse Leistung zu erzielen, man möchte sich weder mit anderen noch mit der Natur messen. Auch hat Friluftsliv in seinen Ursprüngen keine pädagogischen oder gesundheitsfördernden Ambitionen. Dadurch unterscheidet es sich von Sport, Erlebnispädagogik oder outdoor-activities, auch wenn diese Bereiche Überschneidungen zum Friluftsliv aufweisen. Erlebnispädagogik beispielsweise nutzt Natursportaktivitäten, um ein höheres pädagogisches Ziel zu erreichen. Das Dasein in der Natur hat somit keinen eigenen Wert. Das ist ein bedeutender Unterschied zum Friluftsliv, welches intrinsisch motiviert ist. Dies bedeutet, dass die Motivation im Naturerleben an sich liegt. Es gibt auch keine genormten Plätze oder ein Regelwerk wie im Sport, Friluftsliv wird nicht getrieben, es wird gelebt. Das Kernstück des Friluftslivgedanken ist die Tour. In Norwegen ist “auf Tour gehen” vollständig in den Alltag integriert. Die Menschen wollen sich an der frischen Luft in der Natur bewegen, wollen die Schönheit und Ruhe erleben und genießen, wollen sich abends auf dem guten Gefühl der Erschöpfung ausruhen, wollen schwierige Situationen meistern, sich erholen und Abstand zum Alltagsleben gewinnen. Natürlich hat Friluftsliv auch eine Reihe positiver Effekte vorzuweisen, weswegen es staatlich enorm gefördert wird. Es wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus, steigert die Lebensqualität und fördert das Wohlbefinden auf psychischer, physischer und sozialer Ebene. Die Menschen sind zufriedener und gesünder. Dies steigert die Leistungsfähigkeit und senkt die Kosten. Friluftsliv leistet einen Beitrag zum Umweltschutz und zur ganzheitlichen Kindesentwicklung. Es verbessert körperliche Fitness und ist besonders für Menschen geeignet, die mit dem institutionalisierten Sport in Vereinen oder Studios nichts anfangen können. Über Friluftsliv lassen sich alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten erreichen. Diese positiven Effekte entstehen jedoch so zu sagen “nebenbei”. Die Hauptmotivationen sind, wie bereits beschrieben, anderer Natur.

Eine Beschreibung von Friluftsliv kann die Emotionen und Gefühle, die bei der tatsächlichen Durchführung entstehen, nicht wiedergeben. Somit lautet das Motto: Learning by Doing!! Man nehme die Natur als Bewegungsanlass, die Bewegung als Lebensprinzip und Friluftsliv als Lebensstil.

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3 Kommentare

Andreas Jensvold schrieb am 10. Dezember 2007 @ 12:32

Ich habe selten eine so gute Beschreibung für den Begriff “friluftsliv” gelesen! meine norwegische Frau hat es mir zwar auch verständlich beibringen können, zumal ich durch fünf Jahre Norwegen den Begriff in der Praxis erfahren konne.

Darf ich ihren Beitrag für das gemeinnützige Jugendportal http://www.german-norwegian-youthweb.de zweitveröffentlichen?

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.
Meine Kontaktdaten finden sie unter http://www.jensvold.de

Ha en fin dag!
mvh

Andreas Jensvold

Uli Sorg schrieb am 2. Juli 2008 @ 15:12

Ich würde gerne das obige Gedicht in einem in erster Linie nichtkomerziellen Buchprojekt zitieren und bitte Sie höflich um die Erlaubnis.
(Für den Urhebernachweis: Wer ist der Übersetzer?)

Freundliche Grüße
Uli Sorg

admin schrieb am 2. Juli 2008 @ 16:33

Hallo,vielen Dank für den Eintrag. die quelle habe ich leider nicht mehr parat. das gedicht ist aber sehr berühmt und ist sicherlich in vielen publikationen zu finden. viel erfolg mit dem buchprojekt
sarinyah

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